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■ WILHELMSBURG Die Zelte stehen,die Bierzeltgarnituren auch, das Essen wird gerade angeliefert. Es ist Donnerstag Abend gegen 20.30 Uhr. Die Vorbereitungen beim Sportplatz an der Landesgrenze laufen auf Hochtouren. Wasserflaschen und Fladenbrot stehen schonauf den Tischen, es wird gewuselt, die ersten Gäste treffen ein. Nur noch 36 Minuten, dann ist der erste von 30 Tagen Fastenzeit vorbei. „Es war eine ganz spontane Idee“, erklärt Dogan Inam, Vereinschef und Trainer der 1. Herrenmannschaft. Bis zum Ende des Ramadans am 9. September sind jeden Abend alle Wilhelmsburger eingeladen, zusammen zu essen. Rund 250 Essen werden jeden Abend ausgegeben. Beginnend mit einer täglich wechselnden Suppe gibt es anschließend Nudeln mit Sauce, Reis mit Fleischbeilage, Salat und Tzatziki. Als einen Beitrag zur Integrationsarbeit sieht Dogan Inam diese Aktion. „Das ist eine Tafel für alle, die Hunger haben, egal ob Moslem oder Nicht-Moslem!“ Der FC Türkiye mit seinen 440 aktiven und passiven Mitgliedern hat seit gut zwei Jahren seinen Standort beim Sportplatz an der Georg-Wilhelm-Straße. Rund 30 Prozent der Mitglieder sind keine Türken, kommen zum Beispiel aus Bosnien oder auch Deutschland. „Wir sind ein kunterbunter Verein, die meisten kommen aus Wilhelmsburg“, weiß Inam. Sieben Herrenmannschaften – die 1. Mannschaft spielt in der Landesliga – 14 männliche und eine weibliche Jugendmannschaft machen den Fußballverein komplett. „Es ist toll, was hier in so kurzer Zeit auf die Beine gestellt wurde“, begeistert sich Klaus Klock, Manager des FC Türkiye und ehemaliger Fußball-Profi. So eine Aktion habe es nach seiner Recherche in Deutschland noch nie gegeben. Der Clou: Klaus Klock fastet auch – und das bereits zum dritten Mal. Dass das nicht immer leicht ist, das weiß er mittlerweile, denn die Regeln bei diesem Fasten sind streng. Essen, trinken, rauchen – kurzum alle Genüsse – sind von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang verboten. Der Ramadan ist der neunte Monat des islamischen Mondkalenders. Da sich die islamische Zeitrechnung allein nach dem Mondjahr richtet, sind diese Jahre um zehn bis elf Tage kürzer als im Sonnenjahr. Das wiederum bedeutet, dass sich der Zeitpunkt des Fastens Jahr für Jahr verschiebt. Gerade in den Sommermonaten, wo die Tage lang und die Nächte kurz sind, ist das für die Fastenden eine besondere Herausforderung. So gelten zum Beispiel für Gläubige, die in Nordeuropa oder in der Nähe des Nordpols wohnen und die Sonne nie untergeht, Sonderregelungen. Ermöglicht wird das gemeinsame Essen beim FC Türkiye nur durch viele helfende Hände. So hat Hochzeitssaalbesitzer Veli Can seine Küche zur Verfügung gestellt und den dazugehörigen Koch Taner Atmaca gleich mit. Durch Sponsoren werden die Lebensmittel finanziert, viele Mitglieder helfen rund um die Uhr. „Hier fasst jeder mit an. Als ich den Vorschlag gemacht habe, hat keiner Nein gesagt“, freut sich Inam. Dass auch genügend Gäste kommen, davon ist Inam überzeugt. „Am ersten Abend des Ramadan sind nicht so viele da. Da gehen alle zu ihren Verwandten, das ist ein Familientag“, erklärt der Vereinschef. Für die Benefizaktion hat Klaus Klock im Vorfeld mächtig die Werbetrommel gerührt,war unter anderem bei den Tafeln in Harburg und Wilhelmsburg und auch bei der Bahnhofsmission. Das Fasten im Monat Ramadan ist eine der „fünf Säulen des Islam“ und ist für jeden Muslim eine Pflicht. Ausgenommen sind unter anderem Reisende, Kranke oder Schwangere. Wer nicht fasten kann oder darf, kann zum Ausgleich dafür einen Armen mit Essen und Trinken versorgen. Nach 30 Tagen ist der Ramadan dann vorbei. Mit dem traditionellen Fastenbrechen endet für die Muslime die Zeit der Enthaltsamkeit. Drei Tage dauert dieses Fest, bei dem viele Menschen zusammenkommen und gemeinsam das Ende des Fastens feiern. Für die Kinder ist das ein besonderes Highlight, denn neben Geschenken gibt es viele Süßspeisen. Der Wilhelmsburger Rolf Tiedge ist überrascht und fasziniert zugleich. Eigentlich wollte er nur seinen Enkel begleiten, der spielt beim FC Türkiye im Tor. Nun ist er mittendrin und fragt interessiert bei den Anwesenden nach. „Ich bin erstaunt, was die Muslime aushalten. So dürfen sie zum Beispiel auch nichts trinken tagsüber.“ Wer bei der „Tafel für alle“ teilnehmen möchte, kann jeden Abend vorbeikommen. Aber aufgepasst: Jeden Tag beginnt das Essen drei Minuten früher, so dass am Ende der Fastenzeit rund anderthalb Stunden früher gegessen wird.
Bericht von Andrea Ubben Quelle: Der neue Ruf
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